Novemberrevolution und Räterepublik 1918/19 in Augsburg, München und Bayern

Massenversammlung auf dem kleinen Exerzierplatz

Bericht der »Schwäbischen Volkszeitung« vom 11. November 1918

Ein Sonntagshimmel von leuchtender Pracht wölbte sich über Augsburgs Mauern, über Augsburgs Bürger, die zur großen Versammlung eines befreiten Volkes sich am kleinen Exerzierplatz eingefunden. Schon in den Vormittagsstunden strömten Massen von Bürgern und Feldgrauen zur Versammlungswiese, nachmittags wogte ein wahres Meer von Menschen dem Platze zu und gruppierte sich um die sechs Rednertribünen. Kaum daß der Versammlungsort die Menge fassen konnte, die von berufenen Männern Wahrheit und Klarheit hören sollte.

Um 3 Uhr verkündete Trompetensignal den Beginn der Reden. Nach der Begrüßung schilderten die Redner die allgemeine Lage, hoben die bewunderungswürdige Ruhe und Besonnenheit der Augsburger hervor und betonten, daß wir auch ohne unnütze Zwischenfälle, zu denen es leider in einer Reihe von Städten Deutschlands kam, zu unserem herrlichen Ziele gelangen. Die Redner kamen alsdann auf die Kriegsschuldigen zu sprechen, auf die wenigen Einzelnen, die es fertig brachten, ein Volk von 70 Millionen eine lange Reibe von Jahren zu belügen, zu bestehlen. Nicht nur gekrönte Häupter zählen dazu, auch Personen, die sonst im Hintergrunde gestanden haben. Die Ehre unserer Offiziere mag früher eine untadelige gewesen sein, heute aber haben wir Beweise, daß Offiziere, ja selbst Generalitäten den gemeinsten Bestechungen zugänglich waren (lebhafte Entrüstung und Pfuirufe). 1.570.000 Tote Deutsche, 6 Millionen Gefangene und Vermißte haben diese Einzelnen auf dem Gewissen. Das sind keine Mörder mehr, das sind Bestien (Zustimmung), die unbedingt vor ein Volksgericht zu stellen und zu verurteilen sind (lebhafter Beifall).

Warum ist das alles so gekommen, was wir vor Wochen noch nicht geahnt? Weil der Leidenskelch des Volkes übervoll war, die Zeit reif, überreif war! Und jetzt ist die Stunde, in der wir nicht nur mit Worten, sondern mit Taten dem Ziele zustreben. Wir wollen keine Anarchie, wir wollen nicht, daß jeder tut und läßt, was ihm gut dünkt. Geschlossen und einig im Interesse der Gesamtheit marschieren wir, das allein sichert uns eine soziale Republik von dauerndem Bestand (Beifall). Die Redner kamen dann auf die Gründung des Arbeiter- und Soldatenrates zu sprechen und würdigten die immense Arbeit, die diesem obliegt und forderten zur Nachsicht auf. Es hat keinen Zweck, jetzt Kleinigkeiten in den Vordergrund zu stellen, erst das große Ganze. Nur nach und nach wird es möglich sein, den großen Mist, der sich in Jahrhunderten angesammelt hat, zu beseitigen. Der Augsburger Arbeiter- und Soldatenrat hat bereits engste Fühlung mit der neuen bayerischen Regierung in München genommen, die die Augsburger Arbeiter und Bürger, insbesondere auch die Soldatenschaft grüßen läßt, die in unermüdlichem Schaffen tätig war, da wir sonst die Gewalt heute erst hätten an uns reißen müssen (Zustimmung). Zum Schluß baten die Redner, von einem Demonstrationszug durch die Stadt Abstand zu nehmen, da dies nicht mehr nötig, nachdem die ganze internationale Arbeiterschaft einig sei, der Ex-Kaiser endgültig gefallen und der Sieg uns sicher ist (lebhafter Beifall).

Hierauf wurde eine Entschließung verlesen, die als Flugblatt verteilt und von den Versammelten mit heller Begeisterung und nicht endenden Jubelrufen aufgenommen wurde.

Entschließung der Massenversammlung auf dem kleinen Exerzierplatz

Tausende Augsburger Arbeiter, Soldaten und Bürger haben sich heute auf dem kleinen Exerzierplatz versammelt. Sie geben ihrer unbeschreiblichen Freude darüber Ausdruck, daß wie in Kiel, Hamburg, Tilsit, München auch in Augsburg die rote Fahne weht. Sie begrüßen den werdenden freien Volksstaat Deutschland und vertrauen rückhaltlos den gebildeten Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten sowie den neuen Volksregierungen. Feierlich geloben sie, den vom Volke Erwählten Treue zu bewahren und allen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung getroffenen Maßnahmen gewissenhaft Folge zu leisten. Sie wissen, daß sich das Paradies von heute auf morgen nicht verwirklichen läßt, sind aber überzeugt, daß die gewalthabenden Körperschaften des Volkswillens ehrlich bemüht sind, bessere Zustände zu schaffen.

Die Arbeiter, Soldaten und Bürger Augsburgs erwarten, daß die neue Volksregierung alsbald den Frieden schließen wird. Die Tage des Friedens sollen die Volksregierungen alsdann bereit finden, den Neuaufbau Deutschlands entschieden und gedeihlich vorzunehmen.

Quelle: Augsburg hinter den Barrikaden. Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Augsburg 1918-1933. AV-Verlag Augsburg 1988, S. 36ff.

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