Novemberrevolution und Räterepublik 1918/19 in Augsburg, München und Bayern

Bericht über geplante Massenentlassungen

Schwäbische Volkszeitung, 9. Dezember 1918, Seite 4

Die Kohlennot, die sich in dem kohlenarmen Lande Bayern besonders fühlbar macht, übt auf die Augsburger Industrie eine katastrophale Wirkung aus. Nachdem bereits zwischen den Lechwerken und den Arbeitgebern und Arbeitnehmern der hiesigen Großindustrie eine Vereinbarung getroffen worden ist, um elektrische Energie einzusparen, machen sich die Wirkungen der fast gänzlich zur Einstellung gelangten Kohlenzufuhr nun in der Augsburger Industrie direkt geltend. Zur Kohlennot kommt noch der Mangel an Rohmaterial und die Notwendigkeit, die Betriebe für Friedensarbeit umzustellen, eine Aufgabe, die trotz aller schon nach dieser Richtung hin getroffenen Bemühungen längere Zeit erfordert und zunächst eine große Anzahl Arbeiter überflüssig macht, so daß mit einer teilweisen Stillegung der Betriebe zu rechnen ist. In dieser wichtigen, sowohl die Arbeitgeber wie Arbeitnehmer aufs empfindlichste berührenden Angelegenheit fand am Samstag abend im Ludwigsbau eine von sämtlichen Vertrauensleuten der Arbeiter besuchte Versammlung statt, in der die zu treffenden Maßnahmen erörtert wurden. Neben den Vertrauensleuten der Arbeitnehmer waren auch die Arbeitgeber sämtlicher Groß- und Kleinbetriebe erschienen, außerdem Vertreter der Kreisregierung, des Stadtmagistrats und anderer Behörden.

Magistratsrat Genosse Wernthaler als Geschäftsleiter des Deutschen Metallarbeiterverbandes schilderte die gegebene Situation in ebenso ausführlicher wie sachlicher Weise, wie sie durch den Mangel an Betriebskohle hervorgerufen worden ist. Verminderung der Förderung, der Wegfall großer Kohlenreviere, die bis jetzt Süddeutschland versorgt haben, dann aber vor allem die Transportschwierigkeiten haben die Zufuhr vollständig zum Stocken gebracht, die vorhandenen geringen Vorräte gehen zur Neige, soweit sie nicht schon restlos aufgebraucht worden sind. Redner besprach dann die Schwierigkeiten, die sich auch in anderer Hinsicht ergeben, um die Betriebe auf Friedensarbeit umzustellen, Mangel an Material, technische Vorbereitungen usw. Die aus dem Feld zurückkehrenden Arbeiter sollen in ihrer früheren Arbeitsstätte wieder Unterkommen finden; die Plätze sind größtenteils durch andere Arbeitskräfte, nicht zuletzt durch Frauen, besetzt. Diese Verhältnisse zwingen zu außergewöhnlichen Maßnahmen, ja zur teilweisen Stillegung der Betriebe, die bisher auf Rüstungsarbeiten eingestellt waren. Damit müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer abfinden, so tief einschneidend die Maßnahme auch sein mag und so bitter sie von allen Seiten empfunden werden wird. Redner ersucht die Vertrauensleute, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über den Stand der Dinge aufzuklären und für Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu sorgen. Am 12. Dezember soll den Arbeitern gekündigt werden. Für den Verdienstausfall werden 90 Prozent von dem Durchschnittsverdienst der letzten drei Monate bezahlt werden. Sollte nach Ablauf der Kündigungsfrist Arbeitsgelegenheit nicht beschafft werden können und ist die Kohlennot bis zu diesem Zeitpunkt nicht behoben, so tritt die Entlassung in Kraft und hat die Erwerbslosenfürsorge an Stelle des Arbeitsdienstes zu treten. Mit dem Tage der Kündigung werden voraussichtlich verschiedene Betriebe ganz oder teilweise stillgelegt werden. Soweit noch angefangene Arbeiten von Heeresaufträgen vorhanden sind, werden dieselben fertiggestellt. Den Unternehmern ist für die ohne Arbeitsleistung ausgezahlte Lohnsumme ein Rückersatz von 70 Prozent vom Reiche in Aussicht gestellt,

Der Vertreter der Kreisregierung sowie der Vertreter der Augsburger Industrie, Herr Oberingenieur Heller, gaben die Erklärung ab, für die Wiederinbetriebsetzung der Werke alles zu tun, was in ihren Kräften stehe, und die Arbeiter in dieser schweren Zeit nach Möglichkeit zu unterstützen, insbesondere die Industrie so rasch als möglich auf Friedensarbeit umzustellen.

Nachdem in der sich anschließenden Aussprache verschiedene Arbeiter sich zu der Frage geäußert und das Versprechen abgegeben hatten, auch ihrerseits ihr Möglichstes zu tun, um über die kritische Zeit hinwegzukommen und die Versicherung gegeben hatten, mit Vertrauen und Treue zu ihren Führern zu stehen, schloß sich die Versammlung einmütig der in Vorschlag gebrachten Regelung an. Genosse Wernthaler schloß hierauf die denkwürdige Versammlung mit einem warmen Appell an die Versammelten, sich in die Lage zu finden und in Einigkeit und Geschlossenheit mit Vertrauen den kommenden Dingen entgegenzusehen.

Die nächste Zukunft ist also für die Arbeiterschaft außerordentlich trübe und mehr wie je tritt an sie die Pflicht heran, sich um ihre Organisationen zu scharen, die ihnen allein den Rückhalt gibt, um über diese schwere Zeit hinwegzukommen.

 

Quelle: Augsburg hinter den Barrikaden. Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Augsburg 1918-1933. AV-Verlag Augsburg 1988, S. 45ff.

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