Novemberrevolution und Räterepublik 1918/19 in Augsburg, München und Bayern

Bericht über die Demonstrationen der Arbeitslosen in Augsburg

Schwäbische Volkszeitung, 9. Januar 1919, Seite 4

Eine Demonstration der Arbeitslosen fand gestern vormittag in Augsburg statt. Die Zahl der Arbeitslosen schwillt von Tag zu Tag an und es wird höchste Zeit, daß endlich einmal wirksame und umfassende Maßnahmen geschehen, um Arbeitsgelegenheit zu schaffen, und, soweit dies nicht geschehen kann, dem Arbeitslosen durch Gewährung ausreichender Unterstützung entgegenzukommen.

Gestern vormittag versammelten sich die Arbeitslosen, etwa 1000 Mann und 500 Frauen, vor dem hiesigen Arbeitsamt und forderten eine Erhöhung der Unterstützung, die in ihrer derzeitigen Höhe auch nicht im entferntesten dazu ausreicht, um durchzukommen. Der Abordnung wurde versichert, daß über die Erhöhung der Unterstützungssätze Verhandlungen eingeleitet werden sollen. Die Arbeitslosen ordneten sich hierauf zu einem Zuge und zogen geschlossen vor das Rathaus, nachdem zuvor ein Arbeitsloser am Zeugplatz auf den Zweck der Demonstration hingewiesen und zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung ermahnt hatte. Am Rathaus angekommen, begab sich eine Abordnung der Arbeitslosen zum Oberbürgermeister von Wolfram, der in Gegenwart des Leiters des Kriegsfürsorgeamtes Dr, Kleindienst die Forderungen der Demonstranten entgegennahm, die ihrerseits alles vermieden, was eine Störung des Verkehrs auf der Straße herbeigeführt haben könnte. An den Verhandlungen beim Oberbürgermeister nahm auch der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates, Genosse Niekisch, teil. Dieser erklärte in einer Ansprache, die er vom Balkon des Rathauses aus an die Menge hielt, daß die Forderungen der Arbeitslosen berechtigt seien, daß auch bereits eine Erhöhung der Sätze vereinbart sei, und zwar sollen fernerhin bezahlt werden: Für männliche Arbeitskräfte unter 16 Jahren 3 Mark, von 16 – 21 Jahren 4,30 Mark, über 21 Jahre 5,20 Mark; für weibliche Arbeitskräfte unter 16 Jahren 2,50, von 16 – 21 Jahren 3,50, über 21 Jahre 4,20 Mark. Dazu treten für jedes Kind 10 Prozent und für die Frauen 20 Prozent. Diese Sätze sind die neuen Arbeitslöhne, die vom Oberversicherungsamt bestimmt wurden, sie sind aber niedriger als die Arbeitslosen forderten, aber man kann vorerst damit zufrieden sein. In einer noch diese Woche stattfindenden Magistratssitzung sollen dann weitere Schritte beschlossen werden, um Arbeitsgelegenheit zu schaffen und das Los der Arbeitslosen zu erleichtern. Im Hinblick auf diese Zusicherungen bat Redner, die auf nachmittags anberaumte Arbeitslosenversammlung zu verschieben, bis die Beschlüsse des Magistrats vorliegen. Nachdem er den Versammelten noch den Dank für ihr mustergültiges Verhalten zum Ausdruck gebracht hatte, gingen die Teilnehmer der Demonstration in vollster Ruhe auseinander.

Die ohne jede Störung und damit desto eindrucksvoller verlaufene Demonstration der Arbeitslosen hat sicherlich manchem Spießer die Augen geöffnet und ihm den Ernst der Lage gezeigt. Hier muß gehandelt werden und Durchgreifendes geschehen. Ist es doch nicht nur bedauerlich, sondern unter den jetzigen Verhältnissen unverantwortlich, daß die Anträge auf Erhöhung der Ortslöhne für Augsburg, die ja auch die Grundlage für die Sätze der Erwerbslosenunterstützung bilden, von den zuständigen Behörden monatelang unerledigt geblieben sind. Welche Widerstände waren da wohl zu überwinden? Auch sonst hat man geglaubt, durch unangebrachte Engherzigkeit und bürokratische Übungen die Situation verschärfen zu müssen. So wurde den Arbeitslosen die Erwerbslosenfürsorge für den 6. Januar, als einen Feiertag, abgezogen, obwohl der Dreikönigstag, wie in Augsburg jedermann weiß, seit Jahren nicht mehr als Feiertag gilt und sämtliche Betriebe arbeiten. Warum solch kleinliches Vorgehen, das nur – und mit Recht – Erbitterung hervorrufen muß? Dann muß gesagt werden, daß die mit der Unterstürzungsauszahlung betrauten Angestellten nicht immer den rechten Ton treffen, der gegenüber den Arbeitslosen geboten wäre. So glaubte einer der Herren erst kürzlich einer Frau Belehrungen erteilen zu müssen über die Überflüssigkeit des Theater- und Kinobesuchs, über die Notwendigkeit des Sparens usw. Wir meinen, dafür sind die Beamten kaum da, sie haben vielmehr sich um ihre Arbeit zu bekümmern und haben ihre meist sehr zweifelhafte Weisheit für sich zu behalten. Eine Auslese unter den in Frage kommenden Angestellten halten wir für dringend geboten. Wer sich für solchen Posten nicht eignet, muß entfernt werden, bevor er Unheil anrichtet.

Die Inangriffnahme von umfassenden Notstandsarbeiten und ihre großzügige Durchführung ist ebenfalls ein Gebot der Stunde. Hier scheint man immer noch zögern zu wollen und Ausgaben zu scheuen, über die man nun einmal nicht hinwegkommt. Notstandsarbeiten haben nur einen Zweck, wenn sie ausgeführt werden; wenn sie aber als Entwürfe wohlverwahrt in der Mappe liegen bleiben und nicht zur Ausführung gelangen, dann mögen diese Notstandsarbeiten wohl als Schlafpulver für den behäbigen Spießer ihre Wirkung nicht verfehlen, den Arbeitslosen aber ist damit nichts genützt.

Wir hoffen, daß durch die Demonstration der Arbeitslosen erreicht wird, daß jetzt nicht noch weiter geredet, sondern gehandelt wird.

 

Quelle: Augsburg hinter den Barrikaden. Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Augsburg 1918-1933. AV-Verlag Augsburg 1988, S. 48ff.

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