Von Fabian Linder

Es sind die ersten grauen Novembertage 1918. Im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs zeichnet sich die Niederlage des deutschen Kaiserreichs ab. Nach der anfänglichen Euphorie, den 1914 begonnenen Krieg schnell zu gewinnen und zu Weihnachten wieder zu Hause bei der Familie zu sein, schwindet nach vier aufreibenden Jahren voller Gewalt die Motivation der Arbeiter und Soldaten an der Heimat- und Kriegsfront.

Der »deutschen Ehre« verpflichtet entscheiden die Admiräle der deutschen Hochseeflotte trotz der absehbaren Niederlage, ihre Schiffe zu einer letzten Schlacht auslaufen zu lassen. Gerechnet haben sie dabei nicht mit dem Widerstand unter den Soldaten.

Der Kieler Aufstand am 3. November 1918 wird zum Ausgangspunkt der Novemberrevolution. Die Rebellion der roten Matrosen wird Anstoß zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten an der Waterkant und später im ganzen Reich. Die Novemberrevolution ist eine Zäsur in der europäischen Geschichte. Sie markiert gleichwohl das Ende des Kriegs, den Fall des deutschen Kaiserreichs, die Ausrufung der Republik sowie den vorläufigen Beginn einer Rätedemokratie, in deren Folge sich Arbeiter- und Soldatenräte gründen, welche die politische Macht übernehmen.

Freistaat Bayern

In Bayern setzt bereits am 7. November der unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner den König ab und ruft vor den Massen in München die Republik aus. »Bayern ist fortan ein Freistaat« heißt es in der von ihm unterschriebenen Erklärung. Nur zwei Tage später, am 9. November, rufen in Berlin fast zeitgleich der SPD-Politiker Scheidemann die »deutsche Republik« und der Anführer des Spartakusbundes, Karl Liebknecht, die »freie sozialistische Republik« aus.

Die politischen Wirren schwappen auch nach Augsburg über. Die von Textil- und Maschinenbauindustrie geprägte Großstadt hat schwer unter den Kriegsjahren gelitten. In den Berichten des schwäbischen Regierungspräsidenten ist in den letzten Kriegsmonaten von einer zunehmenden Verbitterung zu lesen. Diese findet ihren Ursprung einerseits in der wirtschaftlichen Unterversorgung, andererseits in politischen Ereignissen wie den neuen Kriegsanleihen, welche ein Ende weiter hinauszögern.

Nach der Ausrufung des Freistaats und der Republik durch Kurt Eisner sitzen die ganze Nacht Soldaten in Augsburgs Kasernen zusammen, um Soldatenräte zu bilden. Ein Unteroffizier unterrichtet darüber am Morgen des 8. November den Redakteur der sozialdemokratischen »Schwäbischen Volkszeitung«, Ernst Niekisch. Im Auftrag der SPD-Führung nimmt Niekisch Kontakt zu den Soldaten auf und initiiert im Laufe des Tages die Bildung weiterer Soldatenräte in den verbliebenen Regimentern der Stadt.

Auch in der Arbeiterbewegung wird der Ruf nach Räten laut. Bei den Beschäftigten der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN) kommt es am 8. November zu Arbeitsniederlegungen, die sich gegen einen Appell wirtschaftsfriedlicher, nationaler Organisationen richten. Diese hatten zu einem »letzten Kampf für das Vaterland« aufgerufen. Doch der Wunsch nach Frieden ist bei der Mehrzahl der Arbeiter größer.

Am selben Abend organisiert die Mehrheitssozialdemokratie auf Betreiben Niekischs eine Massenversammlung im prall gefüllten Ludwigsbau, wo heute die Kongresshalle Augsburgs steht. Auf dieser bilden die Anwesenden einen aus 27 Mitgliedern bestehenden Arbeiterrat.

Die Lage in der Stadt bleibt angespannt. Das zeigt sich am folgenden Tag, dem 9. November. Es steht die Befürchtung im Raum, dass die Revolution nicht glücken könnte. Schließlich gebe es noch keine Nachrichten aus Berlin. Erst mit der Ausrufung der Republik dort kann man sich über den vorläufigen Erfolg der Revolution sicher sein. Niekisch kommentiert, dass damit »der voreilige Augsburger Umsturz legalisiert« worden sei. Das bringt am selben Tag auch der Arbeiter- und Soldatenrat mit einem Aufruf an die Augsburger Bevölkerung zum Ausdruck. Der Rat teilt mit, dass er alle Macht in den Händen halte und für Ruhe und Ordnung sorgen werde.

Es folgen Großkundgebungen mit einigen Tausend Teilnehmern, Rednern und Flugblättern. Die behördlichen und Verwaltungseinrichtungen erklären, die veränderten Umstände zu unterstützen, um einen reibungslosen Verlauf des täglichen Lebens zu gewährleisten.

Am 12. November nimmt der Arbeiterrat drei weitere Mitglieder aus den Reihen der Augsburger USPD auf. Zwar haben die Unabhängigen Sozialdemokraten, die sich 1916 wegen deren Unterstützung der Kriegspolitik der Reichsregierung von der Mehrheits-SPD (MSPD) abgespalten hatten, im Verlauf des Augsburger Umsturzes keine Rolle gespielt, aber sie haben einen entscheidenden Vorteil. Mit Eisner stellen sie nicht nur den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats, sondern auch das führende Gesicht der bayerischen Novemberrevolution.

Das zeigt sich Mitte November, als in München ein Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte zusammentritt. Dessen Führung übernimmt die USPD. Die Differenzen zwischen unabhängiger und Mehrheits-Sozialdemokratie werden deutlich. Beide Richtungen haben unterschiedlichen Vorstellungen in der Ausgestaltung der Rätedemokratie. Für die MSPD sollen die Räte lediglich beratende Körperschaften neben gewählten Parlamenten sein, während die USPD in den Arbeiter- und Soldatenräten die Grundlage aller zukünftigen parlamentarischen Tätigkeit sieht.

Ergebnis des Münchner Kongresses ist die Bildung und Wahl eines Zentralrats der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte Bayerns. Auch Augsburg bekommt einen Delegierten im Zentralrat.

Die während dieser Zeit von München aus regierende Koalitionsregierung von MSPD und USPD unter Eisner bereitet für den 12. Januar Landtagswahlen vor.

In dieser Zeit sind die Räte vor allem mit der Konstituierung ihrer Strukturen sowie dem Erhalt der öffentlichen Ordnung und Versorgung beschäftigt. Insbesondere die Versorgungssituation verschlechtert sich in den Städten, auch aufgrund der heimkehrenden Truppen. In München und Nürnberg steigt die Zahl der Arbeitslosen enorm. Zeitgleich versuchen monarchistisch-reaktionäre Kräfte, wieder an Einfluss zu gewinnen. Sie können auf die Unterstützung mancher Vertreter der Mehrheitssozialdemokratie zählen.

Am 4. Januar kommt es in Augsburg zu einer Versammlung der unabhängigen Sozialdemokraten unter Leitung von Lilly Prem, in deren Rahmen Eisner eine Rede zur Wahlvorbereitung hält.

Die politisch instabile Situation führt bis zur Wahl am 12. Januar zu Auseinandersetzungen in den bayerischen Städten. Fokus der Proteste ist besonders der Dissens der beiden sozialdemokratischen Parteien über die künftige staatliche Organisation. Am 9. Januar kommt es in Augsburg zu Protesten gegen die Hetze reaktionärer Kräfte. In der Folge werden Redaktionsräume bürgerlicher Zeitungen besetzt.

Landtagswahl 1919

Mit der Wahl zum Landtag am 12. Januar verschärft sich die politische Situation weiter. Die USPD erleidet eine schwere Niederlage und nur 2,53 Prozent der Stimmen. Stärkste Kraft wird die katholische Bayerische Volkspartei mit 34,99 Prozent, gefolgt von der MSPD mit 32,98 Prozent. Die Mehrheits-Sozialdemokraten gehen eine Koalition mit den liberalen Kräften Deutsche Volkspartei und Bayerischer Bauernbund ein. Auch in Augsburg erreicht die USPD lediglich 2,1 Prozent, die MSPD dagegen 45,8 Prozent.

Die erst zur Jahreswende in Berlin gegründete Kommunistische Partei (KPD) ist in Bayern nicht angetreten. Wenige Tage später, am 15. Januar 1919, erschüttert die vom Sozialdemokraten Gustav Noske als »Volksbeauftragtem für Heer und Marine« befohlene Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch reaktionäre Freikorps die politische Lage. Zuvor hatte die Reichswehr in Berlin den Widerstand der Volksmarinedivision und der Revolutionären Obleute sowie von Kommunisten und unabhängigen Sozialdemokraten gegen den Verrat an der Revolution durch die von Friedrich Ebert geführte und mit den alten Kräften paktierende Reichsregierung blutig niedergeschlagen.

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die während des Krieges aktiv für dessen Beendigung gekämpft hatten (Liebknecht hatte bereits 1914 im Reichstag als einziger Abgeordneter gegen die Kriegskredite gestimmt), sind auch für die bayerischen Revolutionäre zu Vorbildern geworden. Ihre Ermordung erschüttert deshalb auch in Augsburg, ihre Namen sind in den folgenden Tagen immer wieder auf Transparenten und Demonstration zu sehen. In Augsburg veranstaltet die USPD am 27. Januar eine Protestversammlung, zu der auch der revolutionäre Schriftsteller Ernst Toller als Referent geladen ist.

Kurt Eisner ermordet

Nicht einen Monat später, am 21. Februar 1919, wird auch Kurt Eisner ermordet, als er gerade auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtags ist. In der Tasche hat er ein Rücktrittsschreiben, weil er sich nach der Wahlniederlage seiner USPD zur Demission entschlossen hatte. In der Münchner Promenadenstraße treffen ihn die Schüsse des Attentäters Graf Arco auf Valley. Eisner stirbt noch am Tatort. Der Attentäter wird bei einem Schusswechsel mit Eisners Begleitern verletzt, überlebt jedoch. Die herbeigeeilte Menge droht, ihn zu lynchen, weshalb der Mörder zunächst in Sicherheit gebracht wird.

Die durch den Mord an Eisner ausgelöste Empörung verlagert sich auch in den Landtag, es fallen Schüsse. Zwei konservative Abgeordnete sterben, der Chef der Mehrheitssozialdemokraten, Erhard Auer, wird verletzt. Als Reaktion auf die Ereignisse wird die Regierung aufgelöst, der Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte übernimmt die Macht.

Auch in Augsburg löst der Mord an Eisner wütende Proteste aus. Eugen Nerdinger beschreibt in einer historischen Rückschau, dass sich »spontan riesige Menschenmassen« auf der Straße sammeln. Bis in die Nacht des 22. Februar kommt es zu Ausschreitungen. Im Augsburger Artilleriedepot und Pulvermagazin werden Munition und Waffen entwendet. Das Justizgebäude wird geplündert und Akten verbrannt. Mehrere Zeitungsredaktionen werden attackiert, Druckmaschinen beschädigt und Schriftstücke verbrannt. Zudem sollen Gefangene befreit worden sein.

Der Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt daraufhin die Sicherung der Stadt und beschließt, den Belagerungszustand aufrecht zu erhalten. Am 22. Februar kommen in Augsburg 26.000 Menschen zu einer Protestdemonstration zusammen. In einem gemeinsam von MSPD und USPD unterzeichneten Flugblatt heißt es: »Tiefer Schmerz über diese ruchlose Tat bewegt das gesamte werktätige Volk.« Vier Tage später wird Eisner beerdigt. Mehr als 100.000 Trauernde begleiten den Sarg zum Münchner Ostfriedhof.

Die zweite Revolution

Am 3. April diskutiert der Arbeiter- und Soldatenrat in Augsburg über das Thema »Die zweite Revolution«. Geklärt werden soll, wie es nach den bisherigen Ereignissen weitergehen soll. In einer lebhaften Debatte debattieren die Teilnehmenden über das Für und Wider des Rätesystems sowie der Parlamente und über die Bildung einer sozialistischen Regierung. Einer der Teilnehmenden, der Genosse Prem, fordert in einer Entschließung den Zentralrat in München zur Ausrufung der Bayerischen Räterepublik aufzufordern. Zudem wird die Sozialisierung der Unternehmen gefordert. Fast vollständig nehmen die Teilnehmenden die Entschließung an. Gleichzeitig beschließt die Versammlung, die sozialistische Bewegung – also vor allem MSPD und USPD – einen zu wollen. Eine solche Einigung könne jedoch erst mit der Einigung auf Landesebene möglich werden.

Augsburg wird damit zum Ausgangspunkt für die folgende Ausrufung der Räterepublik sowie des Versuchs einer Einigung der gespaltenen sozialistischen Bewegung. In den Tagen nach der Entschließung kommt es in ganz Bayern zu Versammlungen und Diskussionen über die Proklamation einer Räterepublik. Hier engagieren sich vor allem Mitglieder der MSPD, der SPD und der in einigen Teilen Bayerns Fuß fassenden KPD.

Am 6. April, ein halbes Jahr nach der Novemberrevolution, wird in München die Räterepublik ausgerufen. Einen Tag später meldet sich der bayerische Zentralrat wie auch der Arbeiter- und Soldatenrat in Augsburg zu Wort. Im Aufruf des Augsburger Arbeiter- und Soldatenrats heißt es, dass die Räte sämtliche Macht in Händen halten, die Einwohner Augsburg sollten sich den Anordnungen des Rates unterstellen. Neben der Aufrechterhaltung des Belagerungszustands soll mit der Einrichtung eines Revolutionsgerichts die Republik gegen Anschläge geschützt werden. Der 7. April wird zum Nationalfeiertag erklärt.

Die nach der Ausrufung der Räterepublik in das nordbayerische Bamberg geflüchtete Landesregierung um den Sozialdemokraten Johannes Hoffmann nimmt Kontakt zu Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske in Berlin auf und bittet um Unterstützung.

Verrat und Niederschlagung

In Augsburg beginnt das Ende der Räterepublik schon wenige Tage nach ihrer Ausrufung. Auf einer Versammlung verkünden der Mehrheitssozialdemokrat Edelmann und die abgesetzten Gemeindebevollmächtigten ihren Unmut über die Ereignisse. Sie nehmen in Bamberg Verhandlungen mit der alten Regierung über die Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung und ähnliche Fragen auf. Das Kabinett Hoffmann verlangt im Gegenzug die Rücknahme der Proklamation der Räterepublik. Am 12. April kommt es bei einer Versammlung des Arbeiter- und Soldatenrats in Augsburg nach hitziger Debatten zu einem entsprechenden Beschluss. Mit Zweidrittelmehrheit beugen sich die Versammelten dem Druck aus Bamberg und der wirtschaftlichen Notlage.

Als Teil der Abmachung mit der Hoffmann-Regierung gilt auch, dass keine Truppen der Reichswehr in Augsburg einmarschieren. Dieses Versprechen wird von der Regierung Hoffmann jedoch gebrochen, wohl aufgrund der strategischen Bedeutung Augsburgs für die Erstürmung Münchens durch die Reichswehr.

Am Ostersonntag, 20. April 1919, marschieren im Morgengrauen Truppen in Augsburg ein. Dagegen wehren sich die revolutionären Arbeiter. Sie verteidigen das Pulvermagazin und schlagen die Reichswehr mit Schüssen zurück. Zeitgleich sammeln sich bewaffnete Arbeiter einer Nähfadenfabrik zum Widerstand gegen die Regierungstruppen. Die Reichswehr droht, schwere Waffen gegen sie einzusetzen und zwingt die Verteidiger Augsburgs damit zur Aufgabe.

Während die Regierungstruppen bereits am Rathausplatz einziehen, kommt es vor allem in den proletarisch geprägten Vororten Oberhausen, Pfersee und Lechhausen weiter zu Gefechten. In Lechhausen wird um die Lechbrücke gekämpft. Im »Spartakistennest« genannten Arbeiterviertel Oberhausen eskalieren die Auseinandersetzung zu den als Osterunruhen in die Geschichte eingegangenen Kämpfen. An der Wertachbrücke, die Vorort und Stadtzentrum miteinander verbindet, errichten empörte Arbeiter Barrikaden und bringen Waffen und Geschütze der Regierungstruppen in ihre Gewalt. Auch ein Flugzeug der Reichswehr soll abgeschossen worden sein.

Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit muss die revolutionäre Arbeiterschaft letztlich kapitulieren. Nach zwei Tagen enden die Osterkämpfe mit 44 Toten. Für den Wortbruch der Regierung machen viele die MSPD verantwortlich. Bei den Gemeindewahlen im Juni 1919 kommt sie nur noch auf 27,5 Prozent – ein Verlust von 18 Punkten gegenüber ihrem Ergebnis bei der Landtagswahl ein halbes Jahr zuvor. Die USPD legt auf 15 Prozent zu.

Die Eroberung Münchens am 2. Mai bedeutet die endgültige Niederschlagung der Bayerischen Räterepublik. Es kommt zu blutigen Massakern der Sieger an Revolutionären und anderen, denen eine Beteiligung an der Räterepublik unterstellt wird. Die beim Einmarsch in Augsburg festgenommenen »Rädelsführer« werden ab Juni 1919 vor Gericht gestellt.